
Die Brüder Grimm beschrieben Schneewittchen mit Haut so weiß wie Schnee, Lippen so rot wie Blut und Haar so schwarz wie Ebenholz. In seiner Zeichentrick-Adaption des Märchens von 1937 übernahm Walt Disney diese Merkmale. In der im Jahr 2025 erschienenen Realverfilmung wird die Figur jedoch von einer Latina dargestellt. Den Kritikern an dieser Besetzungsentscheidung wurde Rassismus vorgeworfen.
In einigen älteren Überlieferungen des Märchens waren nicht Schneewittchens Haare, sondern ihre Augen so dunkel wie Ebenholz. Dem damaligen Schönheitsideal gemäß gab es Schneewittchen darum auch in blond.

Sowohl die Version der Brüder Grimm als auch später der Disney-Zeichentrickfilm wirkten jedoch stilbildend. Es setzte sich die Vorstellung von Schneewittchen mit Haut so weiß wie Schnee und Haaren so schwarz wie Ebenholz weltweit durch.
Wäre statt der Hautfarbe die Haarfarbe geändert worden, hätte sich meiner Meinung nach daran nicht weniger Kritik entzündet. Ich halte die Rassismusvorwürfe darum für aus der Luft gegriffen. Denn die Linken bemängeln ihrerseits, dass Jasmin aus Aladdin oder die Schwestern aus Lilo & Stitch in der jeweiligen Realverfilmung hellhäutiger seien als im Zeichentrickfilm.
Woke Disney
Die Prinzessinnen in den Märchenverfilmungen von Disney waren dem linken Lager seit jeher zu europäisch, aristokratisch und passiv. Mit Filmen wie Pocahontas (1995), Mulan (1998) oder Küss den Frosch (2009) steuert der Disney-Konzern zwar schon seit Jahrzehnten um, doch den Linken war es nie progressiv genug.
Mittlerweile haben die Wokisten auch auf den Chefsesseln des Disney-Konzerns Platz genommen. Seitdem begnügen sie sich nicht damit, nur die neuen Projekte in ihrem Sinne zu gestalten, sondern schreiben mit den Remakes auch die alten Filme nach ihrem Geschmack um.
Disneys Schneewittchen-Adaption war 1937 der erste abendfüllende Zeichentrickfilm und stellte eine künstlerische Revolution dar. Dies ließ auch für das Remake auf großes Publikumsinteresse hoffen. Damit war der Film für linke Aktivisten das ideale Vehikel, um alte Schönheitsideale und traditionelle Frauenbilder aufzubrechen.
Hauptdarstellerin Rachel Zegler führte in verschiedenen Interviews unverblümt aus, dass genau dies geplant sei und der alte Film ohnehin „weird“ wäre:
Viele bürgerliche Kommentatoren stieß dies vor den Kopf und sorgte bereits vor Veröffentlichung der Neuverfilmung für Kritik.
Lippen so rot wie Blut, Haare so schwarz wie Ebenholz und Haut so braun wie eine Papiertüte
Laut einem Spiegel-Artikel ist die Haut von Frauen um 10-15% heller als jene von Männern, darum gilt in vielen Kulturen hellere Haut als schöner, gerade für Frauen. Unter dem Eindruck hellhäutiger Kolonialherren verstetigte sich dieses Schönheitsideal in vielen außereuropäischen Kulturen und wird bis heute gepflegt. Viele Frauen verwenden dort teils gesundheitsschädliche Hautaufheller.
In den USA ging der Rassismus gegen Farbige nicht nur von Weißen aus. Lange Zeit war es im innerschwarzen Rassismus üblich, dass Farbige andere Afro-Amerikaner nur dann in Clubs oder Studentenverbindungen zugelassen haben, wenn deren Haut heller war als eine braune Papiertüte (Brown-Paper-Bag-Test). Dies dürfte der Hintergrund dafür sein, die Rolle von Schneewittchen mit einer Latina zu besetzen. Die Kinder sollen lernen, dass hellere Haut nicht automatisch schöner ist.
Fraglich bleibt, ob sich mit einem gebräunten Schneewittchen etwas am Schönheitsideal ändert. Rachel Zegler ist so hell wie eine braune Papiertüte, womit es für Farbige keinen neuen Impuls gibt und europäische Frauen legen sich ohnehin längst auf die Sonnenbank. Zudem gilt in Japan helle Haut seit Jahrhunderten und auch schon vor dem Kolonialismus als weibliches Schönheitsideal, was über die popkulturell enorm einflussreichen Animes weiterhin in alle Welt exportiert wird. Bei indischen Bollywood-Filmen verhält es sich genauso.
Kulturelle Aneignung?
Wird etwas aus einer anderen Kultur verwendet, ohne Einverständnis, Mitspracherecht und Gewinnbeteiligung der gebenden Kultur, dann bezeichnen Linke dies gemeinhin als „Kulturelle Aneignung“. Insbesondere in solchen Fällen, wo kommerzielle Produkte entstehen, die den Markt für authentische Produkte aus der angeeigneten Kultur schmälern.
Den Schneewittchen-Stoff gibt es in vielen Kulturen. Doch Walt Disney bezog sich explizit auf die deutsche Variante der Brüder Grimm und Hollywood hat bei international vermarkteten Kinoproduktionen ein Quasimonopol inne.
Nach linker Lesart müsste hier also „Kulturelle Aneignung“ vorliegen und Disney eine amerikanisch-deutsche Koproduktion anstreben. Diversität würde sich dann nicht daran bemessen, wieviele Hautfarben abgebildet werden, sondern wieviele Rollen vor der Kamera und Tätigkeiten hinter der Kamera mit Deutschstämmigen besetzt werden, die sonst kaum eine Möglichkeit haben, in einer international beachteten Großproduktion mitzuwirken. Im langen, langen Abspann des Films wirkt es anhand der Namen nicht danach.
Es war einmal vor langer Zeit in einem weit entfernten Land oder doch 1554 in Bad Wildungen?
Aber wie eng ist das Schneewittchen-Märchen überhaupt mit Deutschland verknüpft? Laut den Brüdern Grimm sind Märchen poetischer und Sagen historischer. Damit ist gemeint, dass sich Märchen nur abstrakt (z.B. allegorisch oder psychologisch) deuten lassen, weil sie anders als Sagen räumlich und zeitlich nicht zu fassen sind. Dennoch gibt es in Deutschland mindestens fünf Versuche, den Schneewittchen-Stoff spekulativ mit historischen Orten oder Personen zu verbinden.
Die Variante aus Bad Wildungen, nach der die Schneewittchen-Figur von der Grafentochter Margaretha von Waldeck (1533-1554) inspiriert sein soll und die Zwerge auf in einem nahegelegenen Bergwerk arbeitende Kinder zurückgehen würden, erfährt dabei besondere Aufmerksamkeit. Die Hessenschau hat darüber berichtet, ebenso wie inländische Zeitungen und ausländische Medien sowie einige größere Youtube-Influencer:
Derlei Bemühungen von enthusiastischen Heimatforschern werden von der örtlichen Tourismus-Branche stets dankbar aufgegriffen, von der etablierten Märchenforschung jedoch nur müde belächelt. Als Resultat einseitiger Berichterstattung sensationsheischender Massenmedien kann es dennoch zu moderner Sagenbildung kommen. Die unbedarften Zuschauer glauben dann tatsächlich, es würde sich erwiesenermaßen um den historischen Kern des Märchens handeln und nicht nur um wilde Mutmaßungen mit meist kommerziellen Hintergedanken.
Der Schneewittchen-Stoff ist also noch lebendig genug, um neue Facetten zu entwickeln. Dies zeigt sich auch darin, dass der Disney-Zeichentrickfilm international mittlerweile bekannter sein dürfte als das Märchen der Brüder Grimm. Die mit einem Oscar prämierte Disney-Bearbeitung von 1937 war für den Animationsfilm bahnbrechend. Zudem führte sie allein in den USA zu 90 Neuausgaben von Grimms Märchen1. Ich würde daher eher von Kulturellem Austausch als von „Kultureller Aneignung“ sprechen.
Fairest of them all
Die Realverfilmung versucht sich ebenfalls an einer Modernisierung des Schneewittchen-Stoffes. So wird die fairness von Snow White nicht mehr in Hinsicht auf ihre Schönheit, sondern ihren Gerechtigkeitssinn interpretiert. Außerhalb des englischen Sprachraums funktioniert dieses Wortspiel allerdings nicht. Hier fällt der Film an Wertschätzung für andere Kulturkreise hinter den Zeichentrickfilm von 1937 zurück. Dort hatte man sich noch die Mühe gemacht, die Schrift in den Büchern oder die Namen auf den Betten der Zwerge mit eigens erstellten Hintergründen in verschiedene Sprachen zu übertragen2.
Viele Köche verderben den Brei
Begriffsverwirrung zeigte sich auch an anderer Stelle um das Wort Zwerg. Im Englischen werden nicht nur die Fabelwesen, sondern auch Kleinwüchsige als „Dwarfs“ bezeichnet. Darum gab es eine von Game-of-Thrones-Darsteller Peter Dinklage angestoßene Kontroverse darüber, ob es noch zeitgemäß sei, die Rollen der Zwerge mit Kleinwüchsigen zu besetzen.
Da Zwerge im Märchen eindeutig Fabelwesen und keine Kleinwüchsigen sind, hätte man beispielsweise normalgroße Schauspieler mit der aus dem Disney-Realfilm Das Geheimnis der verwunschenen Höhle (1959) bekannten Technik schrumpfen können.
Stattdessen wurden die Zwerge herausgekürzt und durch Räuber ersetzt. Als sich daran erneut Kritik entzündete, wurden die Zwerge als computeranimierte Figuren wieder eingefügt, die Räuber jedoch ebenfalls im Film belassen. Infolgedessen bleiben sowohl die Zwerge als auch die Räuber ziemlich blass und konturlos. Es ist nicht gelungen, diese beiden Konzepte zu einem harmonischen Ganzen zusammenzuführen.
Besonders augenfällig wird das im unvermittelten handlungsentscheidenden Wilhelm-Tell-Moment einer vorher und nachher belanglosen Nebenfigur. Genauso deutlich merkt man es in der finalen Auseinandersetzung mit der Bösen Königin, wo die Zwerge zwar dabei sind, aber nichts beizutragen haben, außer hinterher in die Kamera zu winken.
Coal Black and de Sebben Dwarfs
Kleinwüchsige vor Diskriminierung schützen zu wollen, indem man sie um gut bezahlte Rollen bringt und stattdessen durch mäßig animierte Figuren aus dem Computer ersetzt, hat weder die Qualität des Films noch die Situation der Schauspieler verbessert. Da war sogar die Merrie-Melodies-Parodie Coal Black and de Sebben Dwarfs aus dem Jahr 1943 subversiver und mutiger. Das Zeichentrick-Musical wird wegen seiner afro-amerikanischen Klischees heute teils als rassistisch kritisiert, hat aber immerhin Farbige als Sprecher und von ihnen eingespielte Jazz-Musik auf die Leinwand gebracht.
Digitale Kunstwelt
Disney baut den neuen Snow-White-Film ebenfalls zu einem Musical um. In der Zeichentrick-Version fügten sich die Gesangseinlagen als Arbeits- oder Wanderlieder noch harmonisch in die Handlung ein. In der neuen Version wirken sie aufgesetzt. Die Realverfilmung besteht zudem maßgeblich aus computeranimierten Figuren und Hintergründen. Das beißt sich mit dem Anspruch einer Realverfilmung und lässt die Welt sehr künstlich wirken. Unterstrichen wird dies durch den Umstand, dass die Einwohner des von Landschaft und Architektur her europäisch anmutenden Königreichs die Hautfarben aller Kontinente besitzen.
Postkoloniale Politisierung
Die multikulturellen Bewohner des Märchenlands leben in einer sozialistischen Utopie, bis die hellhäutige auswärtige Königin den Thron der rechtmäßigen dunkelhäutigeren Erbin raubt, sie in die Rolle eines Aschenputtels hinabdrückt und das Land rücksichtslos ausbeutet. Snow-White-Darstellerin Rachel Zegler kommentierte den Kino-Trailer mit den Worten: „Free Palestine!“ Sie verband damit die unspezifische postkoloniale Agenda des Films konkret mit dem Nahost-Konflikt. Daraufhin bekam die Israelin Gal Gadot als Darstellerin der Bösen Königin so massive Morddrohungen, dass der Disney-Konzern den Personenschutz für sie bei Werbeauftritten verstärken musste.
Alles schon gehabt
Derartige Politisierung von Märchen hat eine lange Tradition. Schon in den 1970ern parodierte der Politologe Iring Fetscher im Buch Wer hat Dornröschen wachgeküsst? einige Märchen der Brüder Grimm. Er regte an, Schneewittchens schwarz-weiß-rote Gesichtszüge abzuwandeln, um mögliche Assoziationen mit dem Kaiserreich zu vermeiden. Bei ihm kommt sie bei sieben bärtigen Partisanen unter und führt eine Revolution gegen die ausbeuterische Monarchie an. Eine Heirat mit dem Prinzen lehnt sein Schneewittchen ab und macht sich stattdessen lieber um den Feminismus verdient.
Böses Schneewittchen, gute Königin
Die Problematik solcher Instrumentalisierung wird klar, wenn man den Spieß umdreht und die Politisierung auf rechts wendet. Dazu müsste man die Geschichte aus Sicht der Königin erzählen. Ähnlich wie im Disney-Film Maleficent, wo die Böse Fee zur eigentlichen Heldin des Dornröschen-Märchens umgedeutet wurde. Derlei wäre auch bei Schneewittchen problemlos möglich. So interpretiert der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim in seinem Buch Kinder brauchen Märchen die angebliche Eifersucht der Stiefmutter als eine Unterstellung des seinerseits eifersüchtigen Schneewittchens, das seine ödipalen Komplexe auf die Stiefmutter projizieren würde.
Zur Veranschaulichung dichte ich das Märchen im Stile Fetschers um:
Eine Königin reißt die Gefängnismauer zum vom Sozialismus geknechteten Bruderland ein, um beide Länder in Frieden wiederzuvereinigen. Blühende Landschaften entstehen nach Einführung der sozialen Marktwirtschaft.
Die kinderlose Königin adoptiert ein fremdländisches Findelkind, das sie aus Seenot rettet. Aus Toleranzgründen wird das Kind ungeachtet der Hautfarbe Snow White genannt. Die Königin zieht das Findelkind wie ihre eigene Tochter auf, damit sich Snow White im Erwachsenenalter um die dann alt gewordene Königin kümmern möge.
Doch Snow White empfindet das als ausbeuterische Zumutung, nennt sich fortan So Woke und flieht verschleiert in eine Parallelgesellschaft zu sieben langbärtigen Turbanträgern. Der besorgten Königin gelingt es, So Woke dank ihres Zauberspiegels aufzuspüren und versucht, ihre Ziehtochter zu deradikalisieren.
Daraufhin zücken die sieben langbärtigen Turbanträger ihre Messer und gehen unter Rassismusvorwürfen auf die Königin los. Schweren Herzens bleibt der Königin nichts anderes übrig, als die sieben langbärtigen Turbanträger und So Woke in deren angestammte Heimat zurückzuschicken, damit diese dort im Kalifat ihrer Träume aus 1001 Nacht glücklich werden können.
Bei einem solchen Plädoyer für eine rigide Leitkultur wäre die Unterstellung von Hass & Hetze™ nicht weit.

Die DVD zum Schneewittchen-Zeichentrickfilm hat neben dem englischen Originalton, eine deutsche, türkische und arabische Tonspur.
In 67% der Haushalte von seit 1950 Zugewanderten wird laut Statistischem Bundesamt daheim vorwiegend kein Deutsch (43%) oder gar kein deutsch (24%) gesprochen. Insbesondere bei Türkischstämmigen und auch bei Arabischstämmigen. Im Pressetext von Destatis versucht man, dies mit Zahlenspielen zu vertuschen und versteckt die Information in einem Schaubild. Selbst dort werden die Zahlen nur angezeigt, wenn man mit der Maus über die Graphen fährt.

Die zentrale Schlüsselkompetenz für den Bildungserfolg sind ausreichende Deutschkenntnisse. Oft wird behauptet, im Bildungsbereich fände ein Ausschluss durch angeblich strukturell verankerten Rassismus statt. Laut einer kürzlich erschienenen Studie werden Migrantenkinder in der Schule bei der Notenvergabe jedoch nicht etwa benachteiligt, sondern sogar bevorzugt.
Vielleicht führt bei einigen Migrantengruppen vorneweg Türken und sonstigen Muslimen auch mangelnder Integrationswille sowie Rückzug in Parallelgesellschaften samt Islamismusaffinität zum Selbstausschluss?
Wie dem auch sei; komplexe Themen mit der schwarz-weißen Moral eines Märchens zu behandeln, ist immer problematisch. Egal ob Postkolonialismus oder Leitkultur.
Schneewittchen anno 1937
Viele Kritiker empfehlen, die Neuverfilmung links liegen zu lassen und sich lieber den Zeichentrickfilm von 1937 erneut anzusehen. Wer auf eine politische Botschaft Wert legt, kann sie auch dort hineininterpretieren. Es ist erstaunlich, dass der Film von 1937 mit seinem rein künstlerischen Anspruch sich dafür sogar besser eignet als die Realverfilmung von 2025, die genau darauf abzielt.
Eine der Inspirationsquellen für die Gewandung der Bösen König im Zeichentrickfilm von 1937 ist die Statue der Uta von Naumburg, die im wilhelminischen Deutschland nationalromantisch zur schönsten Frau des Mittelalters verklärt worden war.

Von den Nationalsozialisten wurde die Uta-Statue dann massiv instrumentalisiert; beispielsweise als Gegenentwurf zur von ihnen geschmähten „entarteten Kunst“ und als Schutzpatronin der Frontsoldaten. Für die Vermutung, dass Walt Disney mit der Kleiderwahl für die Böse Königin ein Zeichen gegen den Nationalsozialismus setzen wollte, gibt es allerdings keine Belege. Eine Veröffentlichung des Films war von Disney auch im nationalsozialistischen Deutschland geplant, scheiterte letztlich aber an wirtschaftlichen Gründen3.
Die nationalsozialistischen Größen schätzten den Film und ließen ihn sich gelegentlich im privaten Rahmen vorführen, wie Tagebucheintragungen von Joseph Goebbels belegen4. Es existiert sogar das Gerücht, Hitler habe einige der Disney-Zwerge nachgezeichnet.
Auch wenn es völlig ahistorisch ist, bietet sich in der Rückschau dadurch ein Ansatzpunkt, den Film als Allegorie auf den Faschismus auszudeuten. Begünstigt wird dies durch die generell breite Interpretierbarkeit der archetypischen Märchenmotive und Figuren:
Die böse Stiefmutter als Ebenbild der von den Nationalsozialisten verehrten Uta von Naumburg stünde für den Faschismus. Das verfolgte Schneewittchen mit seinen schwarz-weiß-roten Gesichtszügen würde das alte kaiserliche Deutschland symbolisieren; oder alternativ Europa aufgrund des vorwiegend blau-gelben Kleids. Der rettende viel zu spät auftretende Prinz wäre eine Metapher für Amerika. Passend dazu werden die Nationalallegorien für Deutschland und Europa gemeinhin als weiblich gedacht und jene der Vereinigten Staaten männlich.
Der vor dem Mord an Schneewittchen zurückschreckende Jäger könnte als entmachtete Vaterfigur gesehen werden, denn Jagd war historisch betrachtet ein Privileg des Adels. Der Jäger wäre also ein Symbol für Vater Staat, dessen Repräsentanten es nur halbherzig gelingt, gegen die Tyrannei aufzubegehren. Abgesichert wird die Alleinherrschaft der Bösen Königin vom allsehenden Zauberspiegel, der für Denunziation und Geheime Staatspolizei stünde.
Es gibt viele Sagen vom zwangsweisen Auszug der Zwerge aus dem Land der Menschen. Die sieben Zwerge könnte man als die Feindbilder des Faschismus interpretieren, die durch Verfolgung verzwergt und an den Rand der Gesellschaft oder in die Innere Emigration gedrängt werden. Nach dieser Lesart würden die Zwerge für folgende Personengruppen stehen:
Chef ist der Anführer der Zwerge (Widerständler), aber rhetorisch zu ungeschickt, um als öffentlicher Redner etwas in der breiten Masse bewirken zu können. Er würde den linken Widerstand der Gewerkschaften und Sozialdemokraten repräsentieren.
Sein Konkurrent um die Anführerschaft ist Brummbär. Brummbär scheint insgeheim von der Macht der Bösen Königin betört zu sein und hält von Schneewittchen (als Repräsentantin der Vorkriegsordnung) anfangs nichts. Letztlich setzt er sich jedoch an die Spitze des verzweifelten Versuchs, Schneewittchen (je nach Lesart das Geheime Deutschland oder Europa) vor der Bösen Königin (dem Faschismus) zu retten. Häufig hat er ein Auge zugekniffen. In ihm würden sich der einäugige Graf von Stauffenberg und der konservative Widerstand spiegeln.
Schlafmütz stünde für den Deutschen Michel in seiner biedermeierlichen Variante, der ebenfalls durch eine Schlafmütze charakterisiert ist.
Pimpel mit seinen extralangen Wimpern, seiner Vorliebe für romantische Geschichten und der allgemeinen Unsicherheit seiner selbst würde unterdrückte Homosexualität repräsentieren.
Der verschnupfte Hatschi ist das Gegenbild zum faschistischen Ideal kraftstrotzender Gesundheit.
Seppel verkörpert einen geistig Behinderten.
Happy gibt sich nach außen fröhlich, um die anderen aufzumuntern, ihm ist aber alles andere als zum Lachen zu Mute. In ihm würden sich die verfolgten jüdischen Künstler spiegeln, die für die deutsche Synchronisation des Zeichentrickfilms von 1937 eine besondere Bedeutung hatten.
Auch als die betörende Böse Königin in ihrer Hexengestalt entlarvt ist, können die Zwerge sie trotz aller Bemühungen nicht selbst bezwingen; dafür bedarf es auswärtiger Kräfte. Nachdem die Böse Königin (NS-Deutschland) in den Abgrund gestürzt ist, teilen sich zwei Geier die Überreste (Eiserner Vorhang oder spezieller die deutsche Teilung). Einer dieser Geier entpuppt sich jedoch wie im Froschkönig als Prinz (USA), der Schneewittchen (BRD bzw. Westeuropa) wieder wachküsst und sich mit den Zwergen anfreundet.
Marginalisierten eine Stimme geben
In der Neuverfilmung besteht ein Handlungsstrang darin, dass der von den restlichen Zwergen gehänselte Dopey durch Snow White ermutigt wird, seine Stimme zu finden und zu erheben. Die Realverfilmung ruft also implizit dazu auf, Marginalisierten eine Stimme zu geben und ihnen zuzuhören.
Dieses Bemühen ist jedoch lediglich vorgeschoben. Die selbstverliebten Kulturkämpfer im Disney-Konzern betreiben mit ihrer identitätspolitischen Agenda ausschließlich inneramerikanische Nabelschau.
Würde sich Woke Disney tatsächlich für den alten Film und echte Repräsentanz interessieren, hätten sie bei der Neuverfilmung mit Deutschland als Ursprungsland der Märchenvorlage koproduziert und dann wäre ihnen folgendes aufgefallen:
Für den Zeichentrickfilm ließ Disney im Jahr 1938 in den Niederlanden eine erste deutsche Synchronfassung herstellen5 . Die Sprecher waren vor den Nationalsozialisten geflohene Juden, die größtenteils später in Konzentrationslagern umkamen6. Für einige der an der Produktion beteiligten Juden handelte es sich um ihre letzte filmische Arbeit7.
In den Jahren 1966 und 1994 hat Disney Neuvertonungen mit anderen Sprechern anfertigen lassen. An den Zeitgeschmack angepasste Neusynchronisationen sind nicht ungewöhnlich und existieren auch für andere Filme.8
Gemäß der Geschäftspolitik von Disney wird stets nur die aktuellste Fassung veröffentlicht. Eine Ausnahme bildet der Zeichentrickfilm Arielle – die Meerjungfrau, wo nach Protesten der Kundschaft auch die Erstsynchronisation als zweite Tonspur mitveröffentlicht wird. 9
Beim Schneewittchen-Zeichentrickfilm wäre dies ebenfalls möglich, da die alten Vertonungen erhalten sind. Die Version von 1938 müsste restauriert werden, da sie wegen des Aufnahmeverfahrens technisch bedingt teils schlecht verständlich ist10. Mit den heutigen digitalen Verfahren sollte dies jedoch ohne weiteres möglich sein.
Wenn die Realverfilmung dazu aufruft, Marginalisierten eine Stimme zu geben und dies dem Disney-Konzern tatsächlich ein Anliegen sein sollte, dann müsste er eigentlich die Synchronisation von 1938 wieder zugänglich machen. Symbolisch könnte denjenigen, die von den Nationalsozialisten endgültig zum Schweigen gebracht wurden, ihre Stimme zurückgegeben werden. Ich habe beim Disney-Konzern zweimal nachgefragt, ob es diesbezügliche Planungen gebe, aber wie zu erwarten keine Antwort erhalten.
Über die Beteiligung von im Holocaust umgekommen Juden an der ersten deutschen Synchronfassung stolpert man schon bei einer Minimalrecherche. Sei es bei Wikipedia oder bei Youtube, wo es einen Vortrags-Mitschnitt des hier zitierten Prof. Garncarz zum Thema gibt:
Besonders bemerkenswert finde ich deswegen die ausbleibende Diskussion darüber in den Filmrezensionen der deutschen Presse anlässlich der Neuverfilmung.
Die poetische Wahrheit im Märchen findet ihren Weg auf die eine oder andere Art
Die Neuverfilmung ist vom Märchen der Brüder Grimm so weit entfernt, dass man den Film passender Weise nicht mehr als Schneewittchen, sondern als Snow White bezeichnen sollte. Die Kontroversen um den Film spiegeln dabei die poetische Wahrheit des Ursprungsmärchens besser wider als der Film selbst.
Im Zeichentrickfilm und im Märchen klopft Schneewittchen nach ihrer Flucht vorsichtig bei den Zwergen an. Sie betritt das Haus dann nur zögerlich und räumt es in der Hoffnung auf, dass die Hausherren sie zum Dank bei sich aufnehmen. Schließlich sinkt sie von Flucht und Hausarbeit erschöpft auf das Bett.
Im modernisierten Snow White platzt sie direkt mitten hinein und nimmt wie selbstverständlich ein Bett in Beschlag. Später lässt sie die Zwerge ganz im Sinne der Emanzipation das Haus selbst aufräumen. Die unbeholfene feministische Botschaft rückt Snow White in die Nähe der Bösen Königin. Denn auch diese hatte das Schloss von Schneewittchen in Besitz genommen und sie die Arbeiten einer Dienstmagd verrichten lassen. In ihrem Verlangen nach Anführerschaft und dem Thron ähneln sich beide ebenfalls.
Gewisse Parallelen zwischen Schneewittchen und ihrer Stiefmutter zieht die Erzählforscherin Hedwig von Beit in Symbolik des Märchens auch für das Märchen der Brüder Grimm. Schneewittchen ist die Schönste im ganzen Land, dennoch lässt sie sich von der Bösen Königin erst mit einem Schnürriemen und dann mit einem Kamm in die Falle locken. Beides Utensilien, um noch schöner zu werden. Die Böse Königin repräsentiert psychologisch betrachtet die weltlich-ehrgeizige Schattenseite Schneewittchens. Rachel Zeglers hochmütige Presseauftritten sprechen ebenfalls für eine ausgeprägte Selbstverliebtheit. Insofern ist sie durchaus eine passende Snow White.
In seinem Buch So leben sie noch heute legt Märchenforscher Max Lüthi dar, dass sich im Schneewittchen der Brüder Grimm alle Dinge in ihr Gegenteil verkehren. Gutes wird zum Schlechten, so verbirgt sich im Apfel als Symbol für Liebe und Leben hier Hass und Tod. Andererseits führt Schlechtes zum Guten, beispielsweise rutscht der vergiftete Apfelbissen durch das Missgeschick des stolpernden Sargträgers wieder aus Schneewittchens Rachen heraus.
Genauso verhält es sich bei der Neuverfilmung. Die Neuerungen machen die Geschichte nicht besser, sondern schlechter. Das gilt sogar dort, wo Szenen lediglich neu inszeniert werden. Man denke an die für kleinere Kinder zu gruselige Fluchtszene durch den Wald, bei der anders als im Zeichentrickfilm nicht klar wird, dass sich Snow White allein im dunklen Wald die Bedrohung nur furchtsam einbildet. Die Szene verliert dadurch auch an Tiefgang. Im Märchen ist die Reise ins Unbekannte auch stets eine Reise ins Unbewusste, denn das Unbekannte als Projektionsfläche wird unbewusst mit den eigenen Hoffnungen und Ängsten ausgemalt.
Auch die Presseauftritte von Rachel Zegler verkehrten das Beabsichtigte ins genaue Gegenteil – sie schadeten dem Film statt ihn zu bewerben. Die potentiellen Zuschauer waren jedenfalls nicht geneigt, in die Rolle des erlösenden Prinzen zu schlüpfen und dieses Snow White an der Kinokasse wachzuküssen. Der Film geriet zum Flop und soll einen Verlust von fast 170.000.000 $ eingefahren haben.
Bleibt zu hoffen, dass sich der Rückschlag wie im Märchen zum Guten wendet, indem sich der Disney-Konzern irgendwann wieder auf seine alten Tugenden besinnt.
- Diederichs, Ulf: Who’s Who im Märchen, München 1995, S. 297. ↩︎
- Garncarz, Joseph: „Europas alter Märchenzauber und Hollywoods neues Zaubermärchen. Walt Disneys ‚Snow White and the seven Dwarfs‘ in Deutschland“, in: Film im Transferprozess. Transdisziplinäre Studien zur Filmsynchronisation, hrsg. v. Thomas Bräutigam u. Nils Daniel Peiler, Marburg 2015, S. 226-259. S. 242-244. ↩︎
- Ebd., S. 245f. ↩︎
- Ebd., S. 246f. ↩︎
- Ebd., S. 233-235. ↩︎
- Ebd., S. 239f. ↩︎
- Ebd. S. 259. ↩︎
- Ebd., S. 226. ↩︎
- Ebd., S. 258. ↩︎
- Ebd., S. 250f. ↩︎