Warum Wokismus niemandem hilft und alle behindert

In meiner Schulzeit wurden die Schüler von einem linken Lehrer stets korrigiert, wenn sie den Begriff Behinderte verwendet haben. Dieser sei „diskriminierend“. Anfangs hieß es, Behinderte sollten besser als „Anders Befähigte“ bezeichnet werden, ein paar Klassenstufen weiter dann als „Herausgeforderte“. Eine plausible Erklärung dafür haben wir nie erhalten. Es hat lange gedauert bis ich mir einen Reim darauf machen konnte.

Anders Befähigte

Im Englischen werden Behinderte als disabled bezeichnet, was entfähigt bedeutet. Darum wurde im angloamerikanischen Raum nach einem Begriff mit einem weniger abschätzigen Klang gesucht. Eine Weile wurde differently abled verwendet, was ins Deutsche übertragen anders befähigt heißt. Viele Taube erwerben die Fähigkeit, von den Lippen abzulesen oder Blinde lernen, ertastbare Braille-Schrift zu lesen. Diese besonderen Fertigkeiten mildern zwar die Einschränkung durch die Behinderung, können sie aber nicht voll kompensieren. Durch die Bezeichnung anders befähigt wird jedoch genau dieser falsche Eindruck erweckt.

Herausgeforderte

Darum wurde einige Zeit später die Bezeichnung challenged favorisiert, was als herausgefordert übersetzt wurde. Mit der Anglizismenflut fand dann noch die Variante handicapped Einzug in den linken Sprachgebrauch. Beides sind Begriffe aus dem Sport, die zum Ausdruck bringen sollen, dass Behinderte bei Bewältigung des Alltags besondere Leistungen vollbringen. So als wäre für einen Rollstuhlfahrer eine Treppe einfach Teil eines spaßigen Hindernisparcours, der für ihn als sportliche Herausforderung bereitgestellt werde.

Nichts davon war zufriedenstellend, weshalb auch unter Linken mittlerweile eine Rückkehr zum Begriff Behinderte zu beobachten ist. Allerdings mit dem neuen Dreh, dass die Behinderten nicht behindert seien, sondern von ihrer Umwelt behindert würden, etwa durch fehlende Rampen für Rollstuhlfahrer.

Euphemismus-Tretmühle

Es handelt sich hierbei um eine besondere Form der Euphemismus-Tretmühle. Normalerweise wird bei diesem Phänomen ein negativ gefärbter Begriff durch einen anderen unbelasteten ersetzt, auf den die negative Bedeutung nach einer Weile wieder abfärbt. Darum werden wie in einer Tretmühle immer neue Begriffe eingeführt. Beispielsweise von Asylant über Flüchtling und Geflüchteter zu Schutzsuchender. Eine reine Umetikettierung hilft jedoch nichts, solange die dahinterliegenden Probleme ungelöst bleiben. Also je nach politischem Standpunkt entweder Rassismus oder Asylmissbrauch.

Ist behindert ein Schimpfwort?

Auch im vorliegenden Fall ist die Bezeichnung Behinderter bereits eine neutrale Ersatzbenennung für früher geläufige stark negativ geprägte Begrifflichkeiten, beispielsweise „Krüppel“ oder „Schwachsinniger“. Eine ähnliche Problematik wie beim englischen Terminus disabled existiert im Deutschen jedoch nicht, denn die in diese Richtung gehende Bezeichnung invalide wird hierzulande kaum noch verwendet.

Zum Vorwand für die linke Umbenennungskampagne wurde darum der Umstand, dass behindert in der Jugendsprache mitunter auch als Schimpfwort gebräuchlich sei. Das stimmt zwar, doch Begriffe wie „Behindi“, „Kloppi“, „Spasti“ oder „Mongo“ dürften zu diesem Zweck weit verbreiteter sein. Unnötig umständliche Dinge als „behindert“ zu bezeichnen, deckt sich zudem mit der aktuellen linken Deutung, dass man durch die Umstände behindert werde und nicht von sich aus behindert sei.

Von Anfang an war es eine innerlinke Diskussion, die nie eine breitere Öffentlichkeit erreichte. Durch die umfangreiche staatliche Förderung linker Lobbygruppen konnten sie sich publizistisch dennoch die Köpfe heiß reden und wie mein alter Lehrer von oben herab ihre Umwelt belehren, bis die Aktivisten nach einer baerbockschen 360°-Wende wieder beim Ursprungsbegriff angelangt waren.

Wokismus ist wie festgetretener Kaugummi

Derlei ist häufig zu beobachten, wenn der deutsche Wokismus als Ableger der amerikanischen Wokeness irgendwelche US-Diskussionen unreflektiert den anders gelagerten hiesigen Verhältnissen überstülpt. Die Wokisten nehmen diese Ideen wie einen Kaugummi in den Mund und kauen eine Weile verbal darauf herum, bekommen aber nicht mehr als ein paar mit heißer Luft gefüllte Blasen hin. Irgendwann wird es ihnen fad und sie spucken die Ideen dann unverdaut, aber dafür enorm vollgegeifert in die Diskurslandschaft, wo sie sich festtreten. Danach geht es dank großzügiger staatlicher Fördergelder mit anderen Themen und Begriffen von vorne los.

Mein Ansinnen ist es, diesen Bubblegummern argumentativ in den Hintern zu treten, denn wer will schon auf seinem Lebensweg Slalom laufen müssen, um nicht unversehens irgendwelchen hingerotzten Wokismus am Hacken kleben zu haben?

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bearbeitetes Filmzitat aus: „Sie leben“ (USA, 1988)